Das KSM8 Dualdyne – heimlicher Held jeder Live Performance

Anfang des Jahres haben wir ein Mikro vorgestellt, das die Mikrofonwelt schon so ein bisschen auf den Kopf gestellt hat. Die Rede ist natürlich vom KSM8 Dualdyne. Seit der Präsentation auf der NAMM Show machen einige Gerüchte und Spekulationen darüber die Runde, was denn das „Dual“ in „Dualdyne“ genau bedeuten soll.

Diese allgemeine Konfusion ist jetzt nicht unbegründet: Das Konzept eines Mikrofon mit zwei Membranen ist nicht neu – übrigens auch nicht innerhalb unseres eigenen Produktportfolios (man denke z. B. an das KSM9). Das KSM8 ist allerdings so was von einzigartig, da wir hier erstmals ein Tauchspulenmikrofon für die Bühne mit zwei Membranen vorfinden. Oder, etwas umständlicher aber dennoch genau ausgedrückt: das weltweit erste dynamische Gesangsmikrofon mit zwei Membranen in einer Kapsel.

Zwei Membranen oder zwei Kapseln?

Beim Dualdyne handelt es sich um eine Doppelmembran, was jedoch ziemlich häufig mit zwei Kapseln verwechselt wird. Der Unterschied zwischen diesen beiden Designs ist allerdings nicht ohne.

Nehmen wir mal das AKG D200, ein Mikrofon, das in den späten 1960ern entwickelt wurde. Hier finden wir zwei separate Mikrofonkapseln vor, wobei eine für die hohen und eine für die tiefen Frequenzen zuständig war. Diese beiden Kapseln wurden mit einer internen Frequenzweiche kombiniert, um sicherzustellen, dass die Frequenzen auch dort landen, wo sie hingehören.

Das KSM8 wiederum besitzt lediglich eine Kapsel, die den kompletten Frequenzbereich aufnimmt, und die mit einer aktiven und einer passiven Membran ausgestattet ist. Auf die aktive Membran tritt der Schall von vorne – und der Schall, der über die Laufzeitglieder von hinten auf die Membran auftrifft, (Stichwort: Druckgradienten-Empfänger zur Erzielung der Richtwirkung) muss vorerst die zweite, passive Membran passieren.

ksm8-reverse-airflow

Die Sache mit dem Nahbesprechungseffekt

Haben wir nun ein Mikro mit zwei Kapseln, lässt sich die Sache mit dem Nahbesprechungseffekt mit dem Prinzip eines umgedrehten Zweiwege-Lautsprechers vergleichen. Beim KSM8 wird der Nahbesprechungseffekt durch das akustische Widerstandsnetzwerk kontrolliert. Um dies zu erreichen, mussten wir den Luftstrom des dynamischen Mikrofons umkehren, so dass die zweite Membran hineinpasst. Allein diese Aufgabe wurde zu einem massiven Engineering-Projekt, das sich über sage und schreibe sieben Jahre gezogen hat, wie John Born, Product Manager bei Shure Inc. uns erklärt:

Die Technologie im Bereich der dynamischen Mikrofone hat sich über die Jahrzehnte etabliert. Diese komplett neu zu denken, ist ein Mammut-Projekt. Wir mussten alles bedenken und dabei vergessen, was wir wussten. Wir mussten uns zunächst einen Überblick über alle vorangegangenen Mikrofondesigns verschaffen, allen voran Unidyne III und den Erschütterungsabsorber des SM58. Und gleichzeitig war klar, wir müssen alles Know-How über Bord werfen. Da war nicht mehr – keine Werkzeuge, Teile, feste Prozesse. Wir haben einfach bei null angefangen.

Ganz ohne aktive Elektronik ist die Entwicklung eines dynamischen Mikrofons vergleichbar mit dem Duell – Du gegen die Physik. John und sein Team haben in den Untiefen des Shure Archivs herumgestöbert und seitenweise Mathematikliteratur gewälzt, um zu sehen, ob ihre Vision des Dualdyne Konzepts überhaupt durchführbar ist. Das erklärte Ziel war es, ein Mikro zu bauen, das die gleichen Qualitäten unseres KSM9 Kondensatormikrofons besitzt (wo ein Aufbau mit zwei Membranen den Nahbesprechungseffekt kontrolliert), aber das Ganze nun mal in Gestalt eines dynamischen Mikrofons.

LinkedInKSM8-03

Die wichtigsten Eigenschaften des KSM8
  • Großer Sweet Spot – so gut wie kein Nahbesprechungseffekt
  • Linearer Frequenzgang – minimale Anpassungen per EQ und Processing notwendig
  • Eine Richtcharakteristik wie aus dem Bilderbuch – natürliches Ausblenden der Bühnengeräusche und minimale außeraxiale Verfärbungen
Wie funktioniert nun das Dualdyne Prinzip?

Das Dualdyne Konzept beruht auf der original Unidyne Kapsel, die Shure 1939 entwickelt hatte. Das Unidyne war das erste gerichtete Mikrofon, das mit nur einer Kapsel auskam. Damals war das eine unglaubliche Sensation – eine konsistente Nierencharakteristik mit nur einem Element.

Übrigens basiert jedes gerichtete dynamische Mikrofon weltweit auf diesem Shure Patent.

Das Dualdyne baut also auf dem Unidyne auf und beherbergt dabei zwei Membranen in einer Kapsel. Die zweite Membran befindet sich dabei auf der Unterseite der Kapsel, was es uns ermöglicht, den Nahbesprechungseffekt besser in Schach zu halten. Dies und das invertierte Lufststromsystem unterscheiden das KSM8 Mikrofon von allen anderen. Das Konzept dahinter war so einzigartig, dass wir komplett neue Werkzeuge und Prozesse aus dem Boden stampfen mussten, um Dualdyne Realität werden zu lassen.

Mehr über diesen Prozess mit all seinen Fallstricken erfahrt Ihr im Blog der US Kollegen: http://blog.shure.com/re-inventing-the-dynamic-microphone-the-ksm8-dualdyne/ 

Warum spielt das überhaupt eine Rolle?

Mikrofone sind so ein bisschen die heimlichen Helden einer Live Performance: man nimmt kaum Notiz von ihnen, moderne Designs sind unauffällig und die meisten Zuhörer nehmen sie erst dann wahr, wenn irgendwas schief läuft. Wir wissen natürlich um die Wichtigkeit der optimalen Mikrofonauswahl, aber die große Mehrheit ist doch eher darauf aus, eine Show zu genießen, einem Referenten zuzuhören und mit Kollegen zu kommunizieren. Im Prinzip sind Mikrofone genau dann am besten, wenn sie sich einfach nur nahtlos in ihre Umgebung einfügen.

Aber bedeutet das, dass Mikrofone nur einen geringen Stellenwert haben? Aber ganz im Gegenteil. Mikrofone stehen immerhin an vorderster Front bei der Signalkette. Die gesamte Signalkette kann immer nur so gut wie die Klangquelle sein.

Läuft alles glatt, trägt ein gutes Mikrofon wesentlich zum Gelingen der Performance bei. Ist dem nicht so, sind die Ergebnisse sowohl für den Künstler als natürlich auch für den Toningenieur desaströs. So wie zuvor Unidyne, ist Dualdyne nun der nächste Schritt, um für eine reibungslosere, natürlicher klingende Performance zu sorgen. Für den Künstler auf der Bühne führt der große Sweet Spot und die Ausblendung von rückwärtigem und seitlich eintreffendem Schall zu einem besseren Sound. Und für den Toningenieur bedeuten ein besserer Sound und ein zufriedener Künstler deutlich weniger Stress im Job. Damit ist das Dualdyne ganz klar der nächste heimliche Held der Live Performance.

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