Wir decken auf… 8 Ohr- und Kopfhörermythen

Wer kennt sie nicht – Erzählungen, Halbwahrheiten und Mythen, die sich um die verschiedensten Produkte oder Lebensumstände ranken können. Ähnlich der berühmten Vogelspinne in der Yuccapalme, hat Sean Sullivan, Produktmanager bei Shure Inc., mal die 8 Top-Mythen im Listening-Bereich ausgemacht und auf ihren jeweiligen Wahrheitsgehalt untersucht. Und bitte…

1. Die Ohr- und Kopfhörer mit dem größten Übertragungsbereich klingen am besten

Das ist dann schon mal falsch. Der Übertragungs- bzw. Frequenzbereich gibt Auskunft über die niedrigste und die höchste Frequenz, die von einem Kopfhörer wiedergegeben werden kann. Das menschliche Gehör kann allerdings lediglich den Bereich von 20 bis 20.000 Hz wahrnehmen; irgendwelche Angaben, die z. B. von 5 bis 50.000 Hz reichen, sind damit in erster Linie irreführend und auch irrelevant. Ein Bereich, der außerhalb des menschlichen Hörvermögens liegt, hat keinerlei Aussagekraft. Unsere Ohren sind im Bereich von 100 bis 10.000 Hz übrigens am empfindlichsten, insofern ist die Menge an Energie, die ein Kopfhörer genau in diesem Bereich produziert, viel wichtiger als ein Frequenzbereich, der unter 20 oder über 20.000 Hz liegt.

2. Ohr- und Kopfhörer können kaputt gehen, wenn man zu laute Musik hört

Auch das ist nicht korrekt. Bevor Kopf- und Ohrhörer tatsächlich in den Bereich kommen, in dem sie Schaden nehmen können, entschärfen sie zunächst einmal die Schalldruckpegel (SPL), von denen sie bedroht werden. Dabei wird die Lautstärke nicht weiter erhöht, lediglich die Verzerrungen nehmen zu. Um einen Hörer ernsthaft zu beschädigen, muss die Menge an elektrischen Signalen noch mal um einiges größer sein. Laute Musik (hohe SPL) richtet also nicht unbedingt einen Schaden an, im Gegensatz zu übermäßig hohen elektrischen Signalen. Allerdings müsst Ihr natürlich aufpassen, wenn Ihr Eure Musik derart laut hört:

Werden Ohren über lange Zeiträume hinweg Lautstärken oberhalb 85 Dezibel ausgesetzt, kann dies zu einer dauerhaften Verschlechterung des Hörvermögens führen. Da das nun wirklich keiner möchte, lieber auf eine moderate Lautstärke zurückgreifen.

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3. Offene Kopfhörer sind nur für’s Mixing und Mastering

Tatsächlich ist das eher eine Sache des persönlichen Geschmacks und damit ist diese Behauptung falsch. Der optimale Weg, um Musik zu hören, hängt absolut von den Präferenzen des jeweiligen Nutzers ab. Der größte Unterschied zwischen geschlossenen, halb-offenen und offenen Kopfhörern ist die Isolation. Bei der offenen Bauweise können Geräusche fast ungehindert den Kopfhörer passieren. Es wird also auch Schall nach außen abgestrahlt – aber genauso können laute Geräusche von außen das Hörerlebnis stören. Deswegen werden diese Kopfhörer typischerweise eher in ruhigeren Umgebungen verwendet, im Büro (solange es nicht den Arbeitskollegen stört…), zuhause oder eben im Studio, um ein Hörerlebnis zu erzielen, das sich als offen, räumlich und luftig beschreiben lässt, nicht so isoliert wie mit geschlossenen Kopfhörern. Offene Kopfhörer bieten einen natürlicheren Klang –  einer der Gründe, warum offene Kopfhörer für professionelle Anwendungen so beliebt sind.

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4. Noise Cancelling Kopfhörer sind Sound Isolating Ohrhörern überlegen

Falsch. Das eine Konzept ist nicht besser oder schlechter als das andere, sie sind einfach verschieden. Geräusche aktiv zu eliminieren (Noise Cancelling) ist ein elektronischer Prozess. In jeder Ohrmuschel befindet sich ein Mikrofon, das die Hintergrundgeräusche in der Nähe des Ohres aufnimmt. Im Kopfhörer wird dann ein gegenphasiges Signal erzeugt, um diese Störgeräusche auszulöschen. Dieses Verfahren funktioniert am besten bei dauerhaften Geräuschen mit tiefen Frequenzen unter 1.000 Hz, z. B. beim Dröhnen von Flugzeugmotoren oder beim Brummen von Belüftungssystemen. Bei Geräuschen, deren Lautstärke sich schnell ändert, wird es schwierig. Da es sich beim Noise Cancelling um einen elektronischen Prozess handelt, wird zudem eine Stromquelle benötigt und es können hörbare Artefakte auftreten.

Sound Isolating Ohrhörer hingegen arbeiten komplett passiv und können mit Ohropax verglichen werden. Die weichen Ohrpassstücke der Earphones passen sich exakt dem individuellen Gehörgang an und blenden so Umgebungsgeräusche effektiv aus. Wie bei den Ohrstöpseln ist es extrem wichtig, dass die Passstücke richtig sitzen. Im Vergleich mit der Noise Cancellation Technologie bewirkt Sound Isolation allerdings eine bessere Abschirmung vor Umgebungsgeräuschen. Sound Isolation funktioniert über das komplette hörbare Spektrum hinweg, nicht nur bei tiefen Frequenzen oder bei langsamen, wummernden Sounds. Dieses Verfahren blendet alles aus: Gespräche, einen lauten Fernseher, Verkehrslärm – es funktioniert überall, ob im Flieger, Zug oder auf der Straße. Zudem wird keine Elektronik benötigt, das bedeutet: keine Batterien (die mal leer werden), keine digitalen Artefakte – einfach nur Musik!

5. Bei Kopfhörern muss man neue Ohrpolster kaufen, um etwaige Gerüche loszuwerden

Mit der Zeit kann das synthetische Material, aus dem die meisten Ohrpolster gefertigt sind, komische Gerüche annehmen, die man nicht so einfach wieder losbekommt. Trotzdem gibt es ein paar Möglichkeiten, hier entgegenzuwirken und damit ist die Behauptung auch falsch!

  • Wischt die Ohrpolster mit einem sauberen Tuch ab.
  • Säubert die Ohrpolster regelmäßig mit einem feuchten Tuch mit wenig Spülmittel. Entfernt das Mittel danach mit einem sauberen Lappen und ein wenig Wasser. Trocknet die Ohrpolster mit einem Papierhandtuch oder einem Lappen.
  • Legt die Ohrpolster für ca. 60 Minuten in die Sonne; das hilft ebenfalls, um unangenehme Gerüche zu reduzieren.

Hilft das alles nichts mehr, ist die Zeit tatsächlich reif für ein neues Paar Ohrpolster. Die Adressen von Shure Händlern in Eurer Nähe findet Ihr in unserem Dealer Locator: http://www.shure.de/haendler

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6. Übermäßiges Schwitzen kann die Ohrhörer zerstören

Auch das können wir so nicht stehen lassen. Professionelle Künstler nutzen ihre Ohrhörer meist über mehrere Jahre und performen immer irgendwo auf irgendeiner Bühne. Diese Ohrhörer werden normalerweise mehrere Stunden am Stück getragen und (logischerweise…) einer Menge Schweiß ausgesetzt.

Unsere Shure Earphones durchlaufen einen ziemlich fiesen Härtetest, während dessen sie Hitze, Feuchtigkeit und Salzspray ausgesetzt werden, um ihre Funktionstüchtigkeit auch unter diesen Bedingungen garantieren zu können.

In extremen Härtefällen kann es allerdings passieren, dass übermäßige Feuchtigkeit negative Auswirkungen auf die Klangqualität hat. Lässt man die Ohrhörer dann jedoch ausreichend trocknen, z. B. über Nacht, sind sie danach wieder voll einsatzfähig. Grundsätzlich ist dieser Fall aber sehr unwahrscheinlich.

Generell ist es immer sinnvoll, die Ohrhörer nach dem Gebrauch mit einem Papiertaschentuch o. ä. abzuwischen. Die Ohrpassstücke aus Schaumstoff sollten bei regelmäßigem, längerem Schwitzen öfter ausgetauscht werden – so einmal pro Woche. Die Passstücke aus Silikon oder Plastik absorbieren jedoch keine Feuchtigkeit und können immer wieder genutzt werden.

7. Ohrhörer mit Vierwege-Treibern sind ihren Artgenossen mit einem oder zwei Treibern überlegen

Nein, das ist doch etwas anders. Ein Ohrhörer mit nur einem Treiber pro Seite (Single-Driver Ohrhörer) kann Sound problemlos über den gesamten hörbaren Bereich produzieren (wir erinnern uns: 20 – 20.000 Hz). Warum sollte man dann überhaupt mehr als einen Treiber verwenden? Ganz einfach, weil es Einschränkungen in der Funktionsfähigkeit der Single-Driver gibt. Dazu zählen:

  • Möglicherweise können bestimmte Frequenzbereiche nicht besonders laut wiedergegeben werden, bevor es bereits zu Verzerrungen kommt
  • Der Übertragungsbereich kann eingeschränkt sein
  • Der Klang kann verfärbt sein und muss mittels EQ wieder „gerade gebogen werden“

Um diese Einschränkungen zu umgehen, gibt es die Bauweise mit mehreren Treibern pro Seite. Spezielle Filter werden angewandt, die verschiedene Frequenzbereiche (Tiefen, Mitten, Höhen) auf unterschiedliche Treiber aufteilen. Somit können die einzelnen Treiber auf einen recht kleinen Frequenzbereich optimiert werden, in dem sie die beste Performance erzielen. Im Prinzip ist das die gleiche Technologie, wie sie auch bei Lautsprechern genutzt wird. Das anliegende Audiosignal wird in zwei oder mehr Wege aufgeteilt (je nach Anzahl der Treiber) und jeder dieser Wege wird optimiert.

Dennoch gibt es keine Garantie, dass ein Ohrhörer mit mehreren Treibern einen mit nur einem akustisch übertrifft. Tatsächlich können schlecht gebaute Multi-Driver Ohrhörer Anomalien und Artefakte erzeugen.KSE1500_System_Still Life_LR

8. Elektrostatische Lautsprecher, egal welcher Bauform, geben keine richtig tiefen Frequenzen wieder

Falsch. Auf elektrostatische Kopfhörer oder Standlautsprecher könnte diese Behauptung durchaus zutreffen, aber bei den elektrostatischen Shure Ohrhörern KSE1500 ist das nicht der Fall. Ein Problem bei elektrostatischen Lautsprechern ist, dass sie hohe Frequenzen zwar ausgesprochen gut und akkurat wiedergeben, während allerdings die tiefen Frequenzen so ein bisschen durch’s Raster fallen. Bei einem kompakten elektrostatischen Sound Isolating Ohrhörer, der direkt im Ohr sitzt und dieses quasi versiegelt, trifft dies allerdings nicht zu. Zwischen dem Ohrhörer und dem Ohrkanal befindet sich dank dieser Versiegelung ziemlich wenig Luft und genau dadurch kann der KSE1500 auch extrem tiefe Töne zuverlässig und präzise wiedergeben.

Das waren die acht Behauptungen, mit denen sich unser US Kollege Sean bereits auseinandersetzen musste. Habt Ihr darüber hinaus irgendwelche Fragen, die Ihr gerne geklärt wissen würdet? Oder selbst irgendwelche Aussagen aufgeschnappt, die wir technisch untersuchen/widerlegen können? Sagt es uns!

3 Kommentare zu “Wir decken auf… 8 Ohr- und Kopfhörermythen

  1. Danke für all die nützlichen Informationen 😉 War und werde wahrscheinlich mit Shure Produkten immer zufrieden sein.

  2. informativer und spannend lesbarer artikel:) beim punkt 2 sollte man bei zu starker lautstärker eher darauf achten, dass man seine ohren nicht kaputt macht. kopfhörer kann man zur not ersetzen. bei ohren wird es etwas schwieriger;) lg

  3. Vielen Dank für Ihre tollen Beiträge. 🙂
    Zu einem Punkt möchte ich aber noch etwas anmerken:
    sie schrieben oben unter 4., dass Noise-Cancelling ein „gegenphasiges Signal“ nutzt, um Störgeräusche auszulöschen.
    Um eine Auslöschung komplexer Signale zu erreichen, muss das Signal aber invertiert werden und nicht gegenphasig verschoben werden, um eine komplette Auslöschung zu erreichen. Auslöschung durch eine Gegenphase (also durch eine Verschiebung einer zweiten gleichen Sinuswelle um 180 Grad auf der Zeit-Achse) gelingt eben nur bei reinen Sinustönen, wohingegen mithilfe eines zweiten gleichen, aber verpolten Signals der Signalamplitude auch komplexere Signale ausgelöscht werden können.

    Viele Grüße

    Rob

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