Was tun gegen Raumschall?

Wie kann man Raumschall am effektivsten begegnen?

Eine Frage, die Techniker in Live-Locations permanent beschäftigt. In diesem Beitrag wollen wir das Thema Raumeigenschaften ausführlich besprechen. Dafür bekommen wir Hilfe von Experten, die so manche Herausforderung gemeistert haben und uns einige Tipps an die Hand geben, für deren Umsetzung man kein Akustiker sein muss.

Ein Abstecher in die Geschichte

Die Lehre vom Schall geht zurück bis in das sechste Jahrhundert. Die Geschichte moderner, architektonisch bedingter Akustik ist aber so aktuell wie damals im Jahre 1900, als Wallace Clement Sabine die Symphony Hall in Boston konzipierte. Die Konzeption wurde streng nach wissenschaftlichen, akustischen Prinzipien, hauptsächlich basierend auf Nachhallzeit, entworfen. Bis zu diesem Zeitpunkt war es wohl eher Glück, wenn Konzerthallen eine gute Akustik aufwiesen. Heute ist die Akustik von Konzertsälen ein anerkanntes Gebiet der Schalllehre, die Architektur, Ingenieurwissenschaften und Physik umfasst. Sabine muss seinerzeit einen guten Job hingelegt haben; immerhin belegt die Symphony Hall Rang 2 der am akustisch ausgewogensten Konzerthallen weltweit (der Wiener Musikverein kommt auf Platz 1, die Carnegie Hall auf 8, die Royal Albert Hall in London rangiert abgeschlagen auf Platz 58).

Die Definition der Akustik

Akustik beschreibt die Ausbreitung von Schallwellen in geschlossenen Räumen, ihre gegenseitige Überlagerung und das Klangempfinden.

Audio-Experte Pat Brown erklärt, wie es sich mit der Verstärkung von Live Sound verhält: „Der Klang, den ein Zuhörer in einem Saal wahrnimmt, ist eine komplexe Kombination aus dem Sound, der von den Instrumenten erzeugt wird und dem Zusammenspiel mit dem Raum. Fakt ist, dass der Großteil des Klangs, wie ihn der Zuhörer aufnimmt, auf seinem Weg eine Vielzahl unterschiedlichster Oberflächen passieren muss. Jede Reflexion verändert den Klang ein klein wenig und nach mehreren Einwirkungen hat er oftmals nicht mehr viel mit dem Ursprungssignal aus dem Lautsprecher gemein. Ein Raum drückt jedem Sound seinen Stempel auf, der diesen entweder auf- oder abwerten kann. Und selbst das beste Equipment kann nicht gut klingen, wenn man es in einem ungeeigneten Raum einsetzt.“

Tatsächlich gibt es keine gute oder schlechte Raumakustik, sondern eher geeignete oder ungeeignete. Unter geeigneter Akustik versteht man Raumeigenschaften, die zu einer detailgetreuen Übertragung beitragen und/oder diese sogar verbessern. Eine Musikperformance profitiert von einer längeren Nachhallzeit, eine Sprachwiedergabe ist in einem trockenen, möglichst reflexionsarmen Raum am besten aufgehoben.

In der Zwischenzeit wurden beim Sound viele Fortschritte gemacht, so dass die Messlatte für akustische Standards, wie auch die Erwartungen des Publikums, heute deutlich höher liegen. Egal wie toll die Performance auch sein mag – die Zuhörer müssen sie auch verstehen können.

Konzepte und Lösungsansätze hierfür wären: Isolierung, Absorption und Diffusität

  • Eine Isolierung verhindert, dass der Sound irgendwo anders landet als vorgesehen. Verwendet man dichte Türen und doppelte Fensterscheiben, kann die Übertragung in Schach gehalten werden. Zudem sollten etwaige Decken- und Türdurchbrüche so gut wie möglich gedämmt werden, das verbessert die Isolierung zusätzlich.
  • Absorption setzt ganz auf Schallschluckstoffe mit durchlässigen Poren. Die Schallabsorption erfolgt durch Umwandlung der Schallenergie in Wärmeenergie, dies geschieht durch die Reibung der Luftmoleküle am Schaumstoff.
  • Der Grad der Verteilung von reflektiertem Schall im Raum wird als Diffusität bezeichnet. Dabei werden viele Reflexionen erzeugt, was in der Regel als angenehm wahrgenommen wird – der Sound wird als räumlich und tief beschrieben, im Gegensatz zur zweidimensionalen Reflexion. In einem großen Raum, in dem parallele Oberflächen unschönen Sound erzeugen, kann Diffusität in Form von akustischen Deckenplatten und Deckensegeln die reflektierte Energie in eine annehmbare Soundkulisse verwandeln.
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Akustische Deckenplatten – Armstrong Soundscapes

Wenn man sich die Gegebenheiten des Raums genauer ansieht, kann man die entsprechenden Vorkehrungen treffen, um den Sound zu verbessern – mittels Isolierung, Absorption oder Diffusität.

Kent Morris, Vorsitzender bei Cornerstone Media und Market Manager bei Peavey Electronics war so nett, uns ein paar Tipps und Tricks zu geben, wie man die Raumakustik besser in den Griff bekommen kann:

  • Es gibt keine Regel, die besagt, dass das Schlagzeug in der Bühnenmitte stehen muss. Platziert das Drumkit auf die eine Seite, stellt Sänger und Musiker auf die andere. Diese räumliche Trennung verbessert die Verständlichkeit auf jeder Seite und kann die Rückkopplungsgefahr der Gesangsmikrofone reduzieren.
  • Baue einfach ein paar kostengünstige Schalldämmer aus Holzrahmen und fülle sie mit Mineralfasern. Bedecke die Seiten mit Akustikstoff und stelle den Dämmer zwischen den Instrumenten-Verstärkern und den Gesangsmikros auf. So kann die Verfärbung des Klangs vermieden werden.
  • Richte die Instrumenten-Verstärker direkt auf die entsprechenden Musiker. Dadurch kann der Bühnenpegel auch reduziert werden. Es gelangt weniger Bühnensound in die Mikrofone und in das Publikum, was die Klangqualität wesentlich verbessern kann.
  • Stell eine Dämmungsplatte hinter dem Drummer auf, um Reflexionen von hinten zu vermeiden.
  • Verzichte darauf, Lautsprecher in einem fächerförmigen Raum auf die Rückwand auszurichten. Bei dieser Form gelangt der Sound wieder auf die Bühne und verursacht Störgeräusche.

Was kann man als Sound Engineer tun?

Nehmen wir mal an, alle Versuche, den Raumschall in den Griff zu bekommen, sind gescheitert. Was nun? Mit dieser Frage haben wir uns an Frank Gilbert, FOH und Monitor Engineer, gewandt. Frank Gilbert wird mit 15 Jahren Mitglied einer Band und ist nun, 25 Jahre später, als FOH Engineer für den Sound im The Vic, Park West und Mayne Stage (alle in Chicago) zuständig. Er betreibt ein Heimstudio und arbeitet für Metro Mobile Recording. Er hat uns von den Herausforderungen im Mayne Stage berichtet.

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Mayne Stage

„Die Mayne Stage ist ein sehr tiefer Raum. Ich habe festgestellt, dass er die unteren Mitten nicht absenkt, wenn er sich mit Gästen füllt. Bei anderen Locations ist dies der Fall. Wir haben die Bühne auf allen drei Seiten mit richtig schweren Vorhängen ausgestattet, das hilft ein wenig. Die PA im Mayne Stage ist ein Monocluster mit einem Paar geflogenen Subwoofer. Wir haben hier viel Jazz-Trios und beim Kontrabass fangen die geflogenen Subs an zu scheppern, weil sie nicht mit den anderen Lautsprechern gekoppelt sind.

Der Raum an sich klingt klasse und auch das Soundsystem, aber bei den tiefen Frequenzen unter 80 Hz schüttelt es manchmal die komplette Klimatisierung, so dass ich am Ende einen Hochpass-Filter auf den Kontrabass packe. Manchmal mute ich sogar die Subs komplett und überlasse es dem Verstärker der Backline, den Raum zu befeuern. Es ist immerhin ein Live Raum und besonders bei ruhigeren Shows genügt das meistens.

Bei Rock hast Du dann einige Gitarrenverstärker und ein Schlagzeug, das vor sich hin dröhnt. Ich konzentriere mich zunächst darauf, dass der Gesang gehört wird. Dafür tausche ich dann das SM58 durch ein Beta 58A aus – das hilft schon mal. In manchen Situationen ist das Beta das optimale Mikro für diesen Raum.

Ansonsten haben wir keine großartigen akustischen Anstrengungen unternommen. Klar wäre es nicht schlecht, Vorhänge an den Wänden hinter dem Publikum anzubringen, um noch etwas besser zu isolieren, aber nichtsdestotrotz klingt der Raum bereits ganz gut. Er eignet sich perfekt für Piano, Jazz und Kabarett, aber in letzter Zeit haben wir mehr und mehr Rockbands zu Gast. Dabei geht es darum, den Bass und die unteren Mitten zu kontrollieren. Bass-Management heißt das bei uns. Wenn eine Rockband zu uns kommt, tricksen wir ein wenig, um den Gesang präsent zu bekommen, da wir keine Frontfills vorne an der Bühne haben, sondern nur die geflogenen Lautsprecher. Ist die Band richtig laut, nehme ich manchmal ein paar kleine Lautsprecher und platziere sie vorne an der Bühne, in der Nähe des Publikums.“

Ein Kommentar zu „Was tun gegen Raumschall?

  1. Pingback: Shure-Blog: Was tun gegen Raumschall? « Audiosam's Blog

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